Donnerstag, 20. November 2008
Gebt uns den Sozialismus wieder!
Es hätte ja durchaus seinen Reiz: Volker Lösch, Gastregisseur aus Stuttgart, ersetzt die Patienten des Hospizes zu Charenton durch einen Chor aus 24 lebensechten Hamburger ALG-2-Empfängern. Doch selbst nach zwei Stunden Konfetti und Karneval auf der Bühne des Schauspielhauses bleibt kaum mehr als der Reiz der bloßen Idee. Nicht mal der zentrale Konflikt zwischen den Herren Marat und de Sade, zwischen kämpferischen Sozialismus und einem pornografischen Zynismus, kann sich gegen den subproletarischen Laien-Chor behaupten, den Lösch vorführt, als suche er ein theatrales Äquivalent zu Harald Schmidts populären Playmobil-Aufstellungen.

Schon Peter Weiss hatte sein Marat/Sade (eigentlich: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade) um 1963 als ein Stück mit drei Zeitebenen verfasst: Die Ermordung Marats kurz nach der französischen Revolution, die Darstellung dessen in napoleonischer Zeit durch die Schauspielgruppe eines Irrenhauses unter Anleitung de Sades (dereinst ebenfalls Insasse) und anhand von Text-Einschüben auch die Zeitebene des Hier und Jetzt. Volker Lösch schien letzterer ein besonderes Gewicht geben zu wollen. Gleich zu Beginn des Stückes melden sich chorisch die ALG-2-Empfänger zu Wort, erscheinen und verschwinden wieder hinter einem schweren roten Samtvorhang. Sie rattern ihr Leid herunter (einen Prolog, verfasst von Lösch und den Darstellern selbst) und stehen nach fünfzehn langen Minuten schließlich zusammen auf der Bühne als die dumpfe Masse, die sie über das ganze Stück hinweg bleiben müssen. Keine ihrer Geschichten erreicht Tiefgang und Dramatik. Nichts davon, wie es die neoliberalen Stricke verstehen, den Einzelnen zu knebeln. Die Masse kotzt Brocken. Ist aber nicht gerade die implizite Vereinzelung der Nährboden eines Kapitalismus postdemokratischer Prägung?

Aber mag man es als Experiment durchaus zulässig finden, die Heerschar der Vereinzelten mal wieder als Masse zu denken, die Versuchsanordnung die Lösch hier präsentiert wirkt so verstaubt wie die Kostüme, die in der ersten Szene zum Einsatz kommen: Marat und de Sade werden eingeführt und man möchte ob der platten Darstellung eigentlich jetzt schon das Haus verlassen, in dem man es ja auch sonst selten länger als bis zu Pause aushält (dass der Vertrag von Schauspielhaus-Intendant Schirmer um weitere sieben Jahre verlängert wurde, war Hamburgs Presse leider keinen Skandal wert). Zunächst aber hält das Bühnenbild der übrigen Szenen, welches nun freigelegt wird, einen davon ab, vorzeitig das Weite zu suchen (Bühne: Cary Gayler). Der Bühnenraum ist mit großen weich gepolsterten Wänden ausgestattet, auf denen jeweils in riesigen Lettern der Hybrid eines Aldi- und Lidl-Logos prangt. Wenn die Chormitglieder hernach immer wieder gegen die weichen Mauern der Discounter-Gummizelle springen und immer wieder auf den ebenfalls weichen Boden plumpsen, dann entstehen tatsächlich Bilder, die produktiv mit der Gegenwart arbeiten. Auch so, wenn sich ein dynamischer Mittvierziger aus dem Publikum erhebt, um den larmoyanten Arbeitslosen mit unverbesserlichem Jürgen-Klinsmann-Optimismus mal ordentlich Motivation zu coachen. Dies sind die wenigen sehenswerten Momente der Inszenierung.

Immer wieder betritt Marat in unterschiedlicher Kostümierung die Szenerie, erscheint als Hippie-Version von Rudi Dutschke, als Alzheimer-Variante von Fidel Castro – klamottenhaft wirkt das wohl mit Absicht: Die linken Ikonen sind zu Witzfiguren verkommen und wenn der letzte Marat in der Maskerade Oskar Lafontaines die Bühne erklimmt, dann spätestens möchte man den Staub aus der linken Kehle spülen. Aber die Zäsur bleibt aus. Marat wird ermordet, die linke Klamotte aber fortgeführt, ohne eine Parole auszulassen. Die Arbeitslosen, die im Stück noch jedem der linken Heilsversprecher leichtgläubig nachrennen mussten (man erahnt die gefühlsmäßige Sehnsucht nach ergänzender Kraft ) , dürfen sie nun selbst ausrufen – im Chor natürlich. Da ist sie wieder: Die Masse, der Pöbel, wir ham’ kein Bock mehr, uns stinkt’s! Das wirkt so zeitgemäß und revolutionär wie Montagsdemonstrationen in Plastiksäcken.

Mit dem Pathos eines Manifestes verkündet der Chor abschließend Vermögen, Namen und Anschriften der 36 reichsten Hamburger. In der Stadt hat das einen kleinen Theaterskandal ausgelöst, weil einige der Reichen ihre Nennung richterlich unterbinden ließen. Und gewiss ist das so feige, wie der Anruf der Kultursenatorin von Welck beim Intendanten, in dem sie diesen gebeten haben soll, auf die Verlesung der Multimillionäre zu verzichten. Dass aber das Stück der eigentlichen Tragödie der auseinanderklaffenden Armutsschere nicht gerecht wird, sich aber genau diesen Anspruch auf sämtliche Programmwerbung kleistert, ist ebenso skandalös. Wenn die Inszenierung der Versuch sein möchte, aufzuführen, wie rückwärtsgewandt und ideenlos die heutige Opposition ist, kann man hingegen durchaus von einem Erfolg sprechen. Die Inszenierung fände dann freilich ihre konsequente Fortführung in Publikumsreaktionen und Medienecho: „Bravo!“ rufen da einige nach dem Ende der Aufführung, was man mindestens ebenso lange nicht mehr im Theater hören konnte, wie die geballte Ladung unerträglicher Zwischenrufe („Ausziehen!“) während der Aufführung. Unweigerlich erinnert das an die Sprache und das aufgeladene Klima der späten sechziger Jahre, mit dem Unterschied dass auf der Bühne eben nur noch Klamotte ist, Operette ist – opulent, hoffungslos veraltet und wirkungslos.

Unser Mediensystem aber ist eine Katze, die sich in den Schwanz beißt und zwar fortlaufend. Jedes Déjà-vus taugt zur Neuigkeit und wird in Variation wieder und wieder verdaut. Zwanghaft reagieren die Medienformate immergleich auf einfältige Symboliken, und weil es solche in der Aufführung hagelt, wissen auch gleich eine ganze Reihe Immergleiche Immergleiches zu berichten. Aus dieser Schlaufe gibt es kein entrinnen. Der kess ironische Matthias Matussek, Déjà-vus des Medientrauerspiels um Helmut Karasek, hatte natürlich schon während der Aufführung für alle sichtbar sein Fotohandy zum Einsatz gebracht und auch anschließend war er der erste, der den Fernsehkameras von 3Sat Rede und Antwort stand. Was er gesagt hat und was die Kulturmagazine im Fernsehen aus der Inszenierung gebastelt haben – man wird es sich denken können: Revolutionär, politisch, radikal war das – dazu ein eine professionelle Geste und dann zur Schalte ins Studio. Ein paar Tage später darf Maischberger ihre Sendung mit der Forderung eröffnen: „Marx hatte Recht! Gebt uns den Sozialismus wieder!“. Ja Mensch – das kennen die Leute, das ist einfach, knackig und prägnant. Und gerade jetzt zur Finanzkrise. Zu Gast: Peter Sodann, Günther Wallraff und Arnulf Baring. Hochaktuell!

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