Dienstag, 16. September 2008
Das falsche Selbstmitleid des Hauke Haien
Die gestrige Aufführung des "Schimmelreiter", eine Wiederaufnahme aus der letzten Saison, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Bei der Umsetzung von Storms Novelle durch den Dramaturgen John von Düffel und die junge Regisseurin Jorinde Dröse (Jahrgang 1976) überzeugt am Ende nur die Ausstaffierung und einige gestalterische Akzente: Die Kostüme, vor allem das Bühnenbild von Susanne Schuboth beeindrucken. Eine Anhöhe im hinteren Teil der Bühne ermöglicht dem Deichgrafen atmosphärische Auftritte zwischen der Szylla dunkel lockender Urgewalten und der Charybdis nordfriesisch-bäuerlicher Sozialisation. Zwischen diesen gleichermaßen unerbittlichen Polen lebt und liebt einer mit Verstand – darin vor allem liegt auch der dramatische Kern von Storms Schimmelreiter. Er verwebt diesen in einer zutiefst nordeuropäischen Poesie der Auslassung: Eine knappe pragmatische Sprache vor karger Landschaft und nasskalter Witterung. Wer die Machart der Kaurismäki-Filme kennt, kennt ein filmisches Äquivalent hierzu. Dabei ist der weitestgehende Verzicht auf Schnickschnack und Palaver vor allem auch einer auf Bullshit – mag sich so erklären, wer nie verstanden hat, warum die Nordeuropäer sogar einen gewissen Stolz auf ihren wortarmen protestantischen Lebensstil entwickelt haben.

Storms Novelle ist animistisch bis zum Grund, zumindest darin kommt ihr die Inszenierung noch nahe: Der pointierte Einsatz von Nebel, Wasser, Wind und Licht öffnet ein Fenster zur Naturerfahrung Nordfrieslands. Woran die Inszenierung aber krankt ist ihre Hauptfigur. So sehr wurde deren Geschichte die Tiefe genommen, dass sie zur Musicalvorlage eignen würde. Hier reitet kein Vernunftmensch in das unerbittliche Schicksal, das ihm Natur und Mitmenschen und vielleicht ein rätselhaftes Drittes noch auferlegen. Hier vergaloppiert sich einer übermütig und mit großem Schlackern, ohne, dass sich annähernd erklären würde woher, geschweige denn wohin. Die pubertäre Rollengestaltung durch den Jungschauspieler Ole Lagerpusch schmerzt gerade vor dem Hintergrund der gelungenen Kulisse. Auch den Mitschauspielern gelingen die Figuren glaubwürdig: Peter Jordan, Helmut Mooshammer und vor allem Paula Dombrowski als Elke überzeugen. Aber all das erübrigt sich in dem Moment, wo wieder ein Hauke Haien den Faden der Geschichte weiterspinnt, dem man weder den scharfen Rechner noch den Eisbosler abnehmen mag. Stattdessen wirkt er wie ein verirrtes Emo-Kid, das an einem unerklärlichen Selbstmitleid sich so sehr labt – hier ein gedachter weinerlicher Blick ins Publikum – bis es sich schließlich zum Ritter des Großenwahns aufschwingt. „Der Hauke-Haien-Koog!“, brüllt Hauke plötzlich und voll unvermittelter Theatralik, „Ein achtes Weltwunder!“ und das alles ist kein Vergleich zum Storm, wo der Deichgraf selbiges nur leise murmelt:

"[...] er hob sich im Sattel, gab seinem Schimmel die Sporen und sah mit festen Augen über die weite Landschaft hin, die zu seiner Linken lag. „Hauke-Haien-Koog!“ wiederholte er leis; […] In seinen Gedanken wuchs fast der neue Deich zu einem achten Weltwunder; in ganz Friesland war nicht seinesgleichen! Und er ließ den Schimmel tanzen; ihm war er stünde inmitten aller Friesen; er überragte sie um Kopfeshöhe, und seine Blicke flogen scharf und mitleidig über sie hin.“

Der Haike Haien des Hamburger Thalia Theaters vertauscht den mitleidigen Blick mit einem selbstmitleidigen und die festen mit den starren Augen eines Wahnsinnigen.