Montag, 22. Dezember 2008
Vom grandiosen Rest mal abgesehen
konraat, 02:47h
76 Lebensjahre zählt Alexander Kluge inzwischen, unzählbar bleiben seine Verdienste um Kultur und Kunst. Das steht außer Frage und erlaubt, auch einmal die formalen Unschicklichkeiten zu diskutieren, die der Meister mit erstaunlicher Beharrlichkeit dem grandiosen Rest zur Seite stellt. Man ist ja sonst leicht geneigt, großzügig über diese zweitrangigen, weil bloß ästhetischen Unannehmlichkeiten hinwegzusehen. Aber wie war das noch mit Sein und Bewusstsein, mit Form und Inhalt? Aktuellen Anlass zu solchen Fragen gibt Kluges Präsentation einer Kino-Version seiner 570-DVD-Minuten „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ vergangene Woche im Hamburger Abaton-Kino.
Dort zunächst, dank persönlicher und ausführlicher Einleitung zum Film, kommt aber noch einmal die geballte Brillanz dieses Mannes zur Geltung: die freie Rede, die Leidenschaft für den Gedanken, emphatische Assoziationen vor einem beachtlichen Bildungshintergrund. Das macht Appetit. Schließlich liebt man nicht nur Kluges filmisches Werk, mindestens ebenso die späteren Interview-Formate, die eine unerwartete Intellektualität ins „Nullmedium“ (Enzensberger) Fernsehen schleusen. Dass sich der Filmessay zu Marx Kapital nun ausmacht, wie zehn Stunden zusammen geschnittenes Fernsehmaterial aus Kluges Dctp-Schmiede, erschrickt also nicht sonderlich. Zunächst. Denn in Fernsehlängen lassen sich die gröbsten Aussetzer noch mit der übrigen Qualität verrechnen. Im Kino aber läppert es sich und man muss den handwerklichen Leichen im Keller des Herrn Kluge wohl oder übel ins Auge sehen.
Da hat es zum Beispiel Passagen, die wie eine Parodie auf Experimentalfilm-Collagen der 60er Jahre anmuten. Ein Split-Screen aus etwa 25 Teilen zeigt drei sich wiederholende Sequenzen alter Schwarzweißfilme aus Eisensteins Repertoire. Anschließend, wieder auf ganzer Fläche, den Blick einer Frau Richtung Kamera, und noch einmal, aber diesmal – Achtung Kunst – invertiert. Dazu wildes Avantgarde-Klaviergetöse – Dramatik – es geht ans Eingemachte – und an die Grenze des Erträglichen. Kein Zusammenhang, auch kein ästhetischer Zwischenraum, der sich aus dem Bildgedränge eröffnen würde. Eine hastig collagierte Materialschlacht, so der Eindruck. Man kennt das aus dem Fernsehen, aber ohne die Möglichkeit umzuschalten, muss man sich zwangsläufig der Frage stellen, ob Kluges Mixtur an diesen Stellen nicht mit großer Beliebigkeit geschüttelt wurde.
Diese Beliebigkeit des Bildes steht alsdann im krassen Gegensatz zu Kluges Ausführungen nach der Filmvorführung. Zumindest die Musikauswahl scheint von dem Opernliebhaber genauestens durchdacht. Kluge assoziiert sich wieder in geistige Höhen und schmeichelt das Gehör mit der bekannten Märchenonkel-Stimme. Das Gröbste hat man ihm da schon wieder verziehen. Bis zur Publikumsfrage: Herr Kluge, warum doppeln sie eigentlich in ihren Texttafeln das Geschriebene stets durch typografische Spielerei? Also warum muss beispielsweise das Wort „Abgrund“ schräg ins Bild gesetzt werden? Warum diese Überdeutlichkeit? Dazu muss man sagen, dass eben diese Spielereien, während zum Beispiel zehn Minuten ununterbrochener Texttafelei, in eine Unübersichtlichkeit ausarten, die es beinahe unmöglich machen, dem Inhalt zu folgen. Wollte man die Angelegenheit noch ins Positive wenden, man könnte Kluge zum intellektuellen Vorreiter der zeitgenössischen YouTube-MovieMaker-Ästhetik erklären. Im Ernst: Warum braucht jede Tafel mindestens drei Schriftarten um damit mindestens drei Wörter hervorzuheben und zu illustrieren? Das „Grauen“ in grün leuchtenden Dracula-Horror-Lettern, die „Zukunft“ in futuristischer Star-Trek-Typo, usw. Herr Kluge? Der aber spricht nur von der Schrift im Allgemeinen, wie sie doch die viel größeren Bilder erzeuge, im Kopf des Lesers, Visueller Kortex und überhaupt. Die Frage an den Filmemacher war doch aber deutlich gestellt (bezog sich nämlich nicht auf die Vorzüge von Text im Allgemeinen) und damit war dann unvermeidbar: Eine kleine Entzauberung eines großen Intellektuellen. Nicht nur, dass eben jene Bilder, die ein Text im Kopfe zu erzeugen vermag, durch Kluges grelles Typografie-Wirrwarr konterkariert werden – er hat nicht einmal eine Überlegung, warum er sie dennoch so ins Bild setzt.
Auch die humoristischen Einschübe, die doch eigentlich Auflockerung versprechen sollten, reihen sich in die Momente der Ernüchterung und Entzauberung. Zwar presst sich das Kinopublikum noch reichlich Lacher aus dem Zwerchfell, wenn Helge Schneider auf der Bildfläche erscheint, aber das wirkt ebenso so verzweifelt wie Schneider selbst und täuscht leider auch nicht darüber hinweg, dass die Sequenzen von Kluge und Schneider keinen der beiden zu Hochform auflaufen lassen. Aber es scheint fast, als wären sie, wohl ob ihrer sonstigen Leistungen, mittlerweile so was von unantastbar, dass noch jede ihrer Bewegungen zu großer Kunst erklärt würde. Warum aber haben die beiden Meister dieses Geplänkel nötig? Ist es wirklich das von Kluge postulierte Prinzip, jede Szene nur einmal zu drehen? Oder die von Schneider diktierte Bedingung, alles frei zu improvisieren? Schließlich hinderte beides einen Filmemacher nicht daran, schlechtes Material dem Zuschauer einfach vorzuenthalten. In diesem Sinne sei Kluge ein wenig Fähigkeit zur Selbstkritik ans Herz und zu Weihnachten ein Grundkurs in Typografie unter den Baum gelegt.
Der Rest des Kino-Zusammenschnitts war übrigens sehenswert (Enzensbergers Ausführungen zur Finanzwirtschaft etwa, und Durs Grünbein rezitiert Berthold Brecht mit einer lyrischen Variante des kommunistischen Manifestes). Zugestanden: Auch auf die nächste Folge von Kluges Monopol-Formaten freut man sich, trotz alledem.
Dort zunächst, dank persönlicher und ausführlicher Einleitung zum Film, kommt aber noch einmal die geballte Brillanz dieses Mannes zur Geltung: die freie Rede, die Leidenschaft für den Gedanken, emphatische Assoziationen vor einem beachtlichen Bildungshintergrund. Das macht Appetit. Schließlich liebt man nicht nur Kluges filmisches Werk, mindestens ebenso die späteren Interview-Formate, die eine unerwartete Intellektualität ins „Nullmedium“ (Enzensberger) Fernsehen schleusen. Dass sich der Filmessay zu Marx Kapital nun ausmacht, wie zehn Stunden zusammen geschnittenes Fernsehmaterial aus Kluges Dctp-Schmiede, erschrickt also nicht sonderlich. Zunächst. Denn in Fernsehlängen lassen sich die gröbsten Aussetzer noch mit der übrigen Qualität verrechnen. Im Kino aber läppert es sich und man muss den handwerklichen Leichen im Keller des Herrn Kluge wohl oder übel ins Auge sehen.
Da hat es zum Beispiel Passagen, die wie eine Parodie auf Experimentalfilm-Collagen der 60er Jahre anmuten. Ein Split-Screen aus etwa 25 Teilen zeigt drei sich wiederholende Sequenzen alter Schwarzweißfilme aus Eisensteins Repertoire. Anschließend, wieder auf ganzer Fläche, den Blick einer Frau Richtung Kamera, und noch einmal, aber diesmal – Achtung Kunst – invertiert. Dazu wildes Avantgarde-Klaviergetöse – Dramatik – es geht ans Eingemachte – und an die Grenze des Erträglichen. Kein Zusammenhang, auch kein ästhetischer Zwischenraum, der sich aus dem Bildgedränge eröffnen würde. Eine hastig collagierte Materialschlacht, so der Eindruck. Man kennt das aus dem Fernsehen, aber ohne die Möglichkeit umzuschalten, muss man sich zwangsläufig der Frage stellen, ob Kluges Mixtur an diesen Stellen nicht mit großer Beliebigkeit geschüttelt wurde.
Diese Beliebigkeit des Bildes steht alsdann im krassen Gegensatz zu Kluges Ausführungen nach der Filmvorführung. Zumindest die Musikauswahl scheint von dem Opernliebhaber genauestens durchdacht. Kluge assoziiert sich wieder in geistige Höhen und schmeichelt das Gehör mit der bekannten Märchenonkel-Stimme. Das Gröbste hat man ihm da schon wieder verziehen. Bis zur Publikumsfrage: Herr Kluge, warum doppeln sie eigentlich in ihren Texttafeln das Geschriebene stets durch typografische Spielerei? Also warum muss beispielsweise das Wort „Abgrund“ schräg ins Bild gesetzt werden? Warum diese Überdeutlichkeit? Dazu muss man sagen, dass eben diese Spielereien, während zum Beispiel zehn Minuten ununterbrochener Texttafelei, in eine Unübersichtlichkeit ausarten, die es beinahe unmöglich machen, dem Inhalt zu folgen. Wollte man die Angelegenheit noch ins Positive wenden, man könnte Kluge zum intellektuellen Vorreiter der zeitgenössischen YouTube-MovieMaker-Ästhetik erklären. Im Ernst: Warum braucht jede Tafel mindestens drei Schriftarten um damit mindestens drei Wörter hervorzuheben und zu illustrieren? Das „Grauen“ in grün leuchtenden Dracula-Horror-Lettern, die „Zukunft“ in futuristischer Star-Trek-Typo, usw. Herr Kluge? Der aber spricht nur von der Schrift im Allgemeinen, wie sie doch die viel größeren Bilder erzeuge, im Kopf des Lesers, Visueller Kortex und überhaupt. Die Frage an den Filmemacher war doch aber deutlich gestellt (bezog sich nämlich nicht auf die Vorzüge von Text im Allgemeinen) und damit war dann unvermeidbar: Eine kleine Entzauberung eines großen Intellektuellen. Nicht nur, dass eben jene Bilder, die ein Text im Kopfe zu erzeugen vermag, durch Kluges grelles Typografie-Wirrwarr konterkariert werden – er hat nicht einmal eine Überlegung, warum er sie dennoch so ins Bild setzt.
Auch die humoristischen Einschübe, die doch eigentlich Auflockerung versprechen sollten, reihen sich in die Momente der Ernüchterung und Entzauberung. Zwar presst sich das Kinopublikum noch reichlich Lacher aus dem Zwerchfell, wenn Helge Schneider auf der Bildfläche erscheint, aber das wirkt ebenso so verzweifelt wie Schneider selbst und täuscht leider auch nicht darüber hinweg, dass die Sequenzen von Kluge und Schneider keinen der beiden zu Hochform auflaufen lassen. Aber es scheint fast, als wären sie, wohl ob ihrer sonstigen Leistungen, mittlerweile so was von unantastbar, dass noch jede ihrer Bewegungen zu großer Kunst erklärt würde. Warum aber haben die beiden Meister dieses Geplänkel nötig? Ist es wirklich das von Kluge postulierte Prinzip, jede Szene nur einmal zu drehen? Oder die von Schneider diktierte Bedingung, alles frei zu improvisieren? Schließlich hinderte beides einen Filmemacher nicht daran, schlechtes Material dem Zuschauer einfach vorzuenthalten. In diesem Sinne sei Kluge ein wenig Fähigkeit zur Selbstkritik ans Herz und zu Weihnachten ein Grundkurs in Typografie unter den Baum gelegt.
Der Rest des Kino-Zusammenschnitts war übrigens sehenswert (Enzensbergers Ausführungen zur Finanzwirtschaft etwa, und Durs Grünbein rezitiert Berthold Brecht mit einer lyrischen Variante des kommunistischen Manifestes). Zugestanden: Auch auf die nächste Folge von Kluges Monopol-Formaten freut man sich, trotz alledem.
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